Peter Bierl (München): Geld und Zins – „Das Schlechte“ in der Welt? Regionalgeld, Tauschringe, Schwundgeld und Sozialdarwinismus.

Do., 2. Mai 2013, 19:30

Frühsozialisten wie Charles Fourier (1772-1837) und der Anarchist Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) kritisierten Geld und Zinsen, Wucher und Spekulation. In Fouriers Produktions- und Wohngenossenschaften sollten Erträge nach Anteilsscheinen verteilt werden, Proudhons Konzept einer bargeldlosen Tauschbank mit zinslosen Krediten scheiterte.

Dagegen analysierte Karl Marx (1818-83) den Kapitalismus als dynamische Produktionsweise, in der Profitmaximierung und Akkumulation von Kapital Selbstzweck sind. Er entzog damit Frühsozialisten wie Sozialromantikern theoretisch die Grundlage. Dennoch finden solche Ideen gerade in Krisenzeiten Anklang. Die Perspektive einer lokal oder regional beschränkten Ökonomie ohne spekulative Finanzgeschäfte mit fairen Preisen und Löhnen, einer Gemeinwohl-Ökonomie, eine Art gebremster Kleinkapitalismus, ist in Teilen der Linken, unter Globalisierungskritikern, bei Occupy und in der Umweltbewegung verbreitet.

Dazu gehört die so genannte Freiwirtschaftslehre des Kaufmanns Silvio Gesell (1862-1930). Die Regionalgeld- und Tauschringe-Projekte basieren auf den Lehren Gesells. Am bekanntesten ist der Chiemgauer, eine Alternativ-Währung im Südosten Bayerns, die in den Medien immer wieder gelobt wird. In Baden-Württemberg gibt es Regionalgeld wie den Dreyecker, den Freitaler und den Gwinner, einige Projekte sind in Vorbereitung, andere schon wieder aufgegeben. Freiwirtschaftler waren Mitgründer der Grünen, zwei Gruppen sind heute Mitgliedsverbände von Attac Deutschland. In Argentinien beteiligten sich während der Wirtschaftskrise 2001 zeitweise zehn Millionen Menschen an einem Tausch-Netz mit eigener Währung.
Gesell wie Proudhon stellten den „ehrlichen“ Unternehmer gegen den „bösen“ Wucherer und Spekulanten, was die Nazis auf die Parole vom „schaffenden“ gegen das „raffende“ Kapital verdichteten, und bieten damit Anknüpfungspunkte für antisemitische und völkische Politik.

Peter Bierl ist freier Journalist, Politikwissenschaftler und Autor des Buchs Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismus von rechts: Die Lehre Silvio Gesells, Hamburg 2012.

(Eintritt frei)

Die Veranstaltung wird in Kooperation mit ver.di Stuttgart ausgerichtet.